Ausstellung im ZAZZA MOABIT unter der Kategorie „Sonderprojekte“

FESTIVAL
01.–03. SEPT 2023
In seinen nahezu monochromen Malereien lässt Christopher von Gruben die Grenzen zwischen privatem und öffentlichen Raum verschwimmen. In rotes Neonlicht getaucht, werden alle Szenen gleich behandelt. Er malt sein WG-Zimmer, sein Atelier und immer wieder auch die Alt-Berliner Kneipe, jene Kiezinstitution, der schon seit Jahrzehnten das Aussterben attestiert wird. Die Eckkneipe wird oft als zweites Wohnzimmer, der Stammtisch als Grundpfeiler des gesellschaftlichen Diskurses verklärt. Schaut man genauer hin, merkt man aber schnell, dass das durchschnittliche Kneipenpublikum keinesfalls einen Querschnitt der Gesellschaft darstellt. Handelt es sich bei den Kneipen wirklich noch um die zentralen Treffpunkte in einem sich verändernden Kiez?
Der Kontrast zwischen den urigen Kneipeninterieurs und dem Ausstellungsort, ein hippes Café im Neubaugebiet, könnte größer kaum sein und verbildlicht den Wandel, den Moabit, wie viele weitere Berliner Kieze in den letzten Jahren erfahren haben. Hält man hier, am „Platz der Nachbarschaft“ einen Moment inne, erkennt man aber schnell, dass mit den Kneipen nicht nur Begegnungsorte aus dem Stadtbild verschwinden, sondern auch neue Orte entstehen. Von Grubens Bilder sind Momentaufnahmen einer liebgewonnenen Umgebung, eine Hommage an die Kneipenkultur und gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass Gemeinschaft überall dort entstehen kann, wo man sie zulässt und Gastfreundschaft zeigt. So entsteht ein Zuhause auch außerhalb der eigenen vier Wände.
Auch die größte Malerei, „Rote Tänzerin“, thematisiert die Verstrickungen von privatem und öffentlichem Raum. Sie zeigt von Grubens derzeitigen Atelier im Norden Berlins, welches ehemals von der DDR-Bildhauerin Ruthild Hahne genutzt wurde und noch viele ihrer Werke beherbergt. Bekannt für das von ihr entworfene Denk- mal am Thälmann-Platz, findet sich auch in der Malerei eine von Hahne gemeißelte Statue Ernst Thälmanns. Das Abbild des kommunistischen Widerstandskämpfers, der 1944 im KZ Buchenwald ermordet wurde, befindet sich hier in der Schwebe zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Als Denkmal gedacht, findet es in der Abgeschiedenheit des Ateliers wenig Beachtung. Indem von Gruben in seinen Malereien sein privates Umfeld nach Außen kehrt und die Betrachter:innen in seine (Bild-)Räume einlädt, findet auch Hahnes Thälmann endlich ein Publikum.
Text von Anna Latzko.
THEMA:
Ganz im Sinne unseres diesjährigen Themas GAST/SPIELE möchten wir Euch herzlich in Moabit und im Hansaviertel willkommen heißen. Dieses Jahr widmet sich der Ortstermin dem komplexen Geflecht zwischen Gast-Sein und Gastgeben. Das Gastgeben ist facettenreich – es umfasst alle Aspekte des zwischenmenschlichen Lebens und ist Basis unseres gesellschaftlichen Miteinanders.
Es setzt Offenheit gegenüber dem Gast, seinen Haltungen und seinen Handlungen voraus. Die Kehrseite der Gastfreundschaft sind Abschiebungen und Ausgrenzungen – hier ist das Zu-Gast-Sein ein enges Korsett, ein Verhaltenskatalog, der vorschreibt, was man darf und was man nicht darf, wie man sich zu verhalten hat und welche Privilegien man hat oder nicht hat.
Die Teilnehmer:innen des Festivals erkunden mit ihren Projekten die vielfältigen und teils gegensätzlichen Aspekte des Gastgebens. Der Stadtteil wird zum Experimentierfeld, um gemeinsam Regeln der Zusammenkunft zu testen, zu brechen und neu aufzustellen, neue Orte und Ideen zu entdecken und neue (Gast-)Freundschaften entstehen zu lassen. An diesem Wochenende wird ein Ort der Begegnungen, des Empfangens und Teilens geschaffen.
So vielschichtig wie Moabit als Stadtteil ist, so umfassend ist auch das Programm, das Ihr in einer Vielzahl von Formaten erkunden könnt. Auch in diesem Jahr öffnen Künstler:innen und Kreative die Türen ihrer Ateliers für Euch und geben Einblicke in ihre Arbeitsweise.
Projekträume, Kulturinstitutionen, Galerien, Cafés und Bars präsentieren kuratierte Ausstellungen, richten Veranstaltungen und Workshops aus. Im öffentlichen Raum laden zudem vielfältige Aktionen im ganzen Bezirk Passant:innen zum Verweilen und Mit- machen ein. Ganz im Geiste des Gastgebens gewähren Teilnehmer:innen uns in diesem Jahr unter dem Titel mon habite Zugang zu ihren Sammlungen, Hobbies und Wohnungen.
Im Rahmen des Projektes Ecke werden Orte des Gastgebens zu zentralen Knotenpunkten des Festivals, von denen aus Ihr Euren Festivalbesuch oder Rundgang beginnen könnt. Künstler:innen treten in Austausch mit Kneipen, Bars und Hotels und ihrem Publikum. Personen vor Ort informieren Euch über Programmpunkte im umliegenden Kiez und empfangen Euch am Ende Eurer Tour zu einem gemeinsamen Ausklang des Abends. So funktionieren die Ecken wie Start- und Endpunkte, von denen Ihr Euren Besuch des Ortstermin 23planen könnt. Jede Ecke wird zum Ort der Begegnung von Kunst und Alltag.
Wir freuen uns, mit diesem Programm Moabit und das Hansaviertel einmal mehr gemeinsam mit den teilnehmenden Künstler:innen und Kulturschaffenden zu bespielen und bedanken uns herzlich bei allen, die unermüdlich produktiv tätig sind, um ein spannendes Experimentier- und Handlungsfeld über das Gastgeben und Gast-Sein zu erschaffen.





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